Ungarn: Von der »Geißel Europas« zum Vorposten des Abendlandes


Ungarn: Von der »Geißel Europas« zum Vorposten des Abendlandes
Ungarn: Von der »Geißel Europas« zum Vorposten des Abendlandes
 
 
Die Magyaren zählen zusammen mit den Wogulen und Ostjaken zum östlichen Zweig der finnougrischen Sprachgruppe. Sie hatten ihre ursprünglichen Wohnsitze in der Mischwald- und Waldsteppenzone beiderseits des Ural. Von den Siedlungsgebieten in den Flussregionen von Oka, Wolga, Kama und Petschora hatten sich ihre Vorfahren im 2. Jahrtausend v. Chr. über die südöstlichen Abhänge des Ural ausgebreitet. Um 500 v. Chr. waren sie in das spätere Baschkirenland (Magna Hungaria) abgewandert. Als halbnomadisches Reiter- und Hirtenvolk waren sie vom 5. bis 9. Jahrhundert am Rande der eurasischen Steppenzone zeitweise in Reichsbildungen turksprachiger Steppenvölker — der turkobulgarischen Onoguren und später der Chasaren — einbezogen worden. Der Hunnenkönig Attila (Etzel) zählt in der volkstümlichen Überlieferung zu den Vorfahren der magyarischen Herrscherdynastie der Arpaden.
 
Den Magyaren haben sich auf dem weiten Weg nach Mitteleuropa unter anderem die finnougrischen Nyék, die türkischen Kavaren, die iranischen Chalizen und petschenegische Verbände angeschlossen; als Hilfsvölker und Grenzwächter wurden ihnen wichtige Verteidigungsaufgaben in den Randregionen zugewiesen. Das engere Zusammenleben mit Iraniern (Alanen) und Turkvölkern hat in der ungarischen Sprache deutliche Spuren hinterlassen (der Name »Ungar« ist bulgarisch-türkischen Ursprungs). An frühen Wortentlehnungen im Ungarischen lässt sich erkennen, dass die Magyaren noch in der Steppenzone nördlich des Schwarzen Meeres mit bäuerlicher Kultur und Lebensweise in Berührung gekommen sind. Ein Teil der magyarischen Stämme erlernte schon fortschrittlichere Anbaumethoden und begann, das Nomadenzelt gegen feste Behausungen einzutauschen.
 
In byzantinischen Quellen werden die Magyaren als Türken bezeichnet. Aus dem Staatshandbuch des Kaisers Konstantin VII. Porphyrogennetos erfahren wir, dass sie vor den nachdrängenden Petschenegen 889 ihre Wohnsitze in Lewedien (griechisch Lebedia) aufgeben mussten und nach Etelköz (eigentlich »Zwischenstromland«) an die untere Donau auswichen. 892 verbündeten sie sich mit Arnulf von Kärnten, 894 ließen sie sich von Kaiser Leon VI. als Hilfstruppen gegen die Bulgaren anwerben. Zur Vergeltung hetzte der Bulgarenkhan Simeon die Petschenegen gegen sie auf, sodass sie teilweise überstürzt aus der südrussischen Steppenzone abziehen mussten.
 
 
Unter ihrem militärischen Führer Árpád drangen die landflüchtigen Magyarenstämme in mehreren Zügen über die Karpatenpässe und entlang der Donau in das Pannonische Becken vor. Die magyarische Landnahme löste vorübergehend unter den Anrainern erhebliche Irritationen aus und verursachte weit reichende machtpolitische Umschichtungen. Die »Ungarnplage« weitete sich nach der Niederlage des lombardischen Heeres König Berengars I. 899 an der Brenta zu einer akuten Bedrohung der gesamten südöstlichen Grenzgebiete des Ostfränkischen Reiches aus. Seit 900 hatten die Magyaren ganz Pannonien fest in ihrer Hand. Das Großmährische Reich brach 906 unter ihrem Ansturm sehr rasch zusammen. Ein bayerisches Heer wurde 907 bei Preßburg vernichtend geschlagen, Markgraf Luitpold, der Erzbischof von Salzburg, die Bischöfe von Freising und Säben sowie die Besten des bayerischen Adels fanden den Tod.
 
Die magyarischen Steppenkrieger suchten in den folgenden Jahren auf ihren Streifzügen ganz Süddeutschland und Oberitalien heim und drangen westwärts bis über den Rhein vor. Selbst die byzantinischen Kaiser blieben seit dem überraschenden magyarischen Vorstoß im Jahre 934 vor weiteren Übergriffen der ehemaligen Verbündeten nicht verschont. Die Magyaren hatten sich inzwischen mit den Petschenegen verständigt. Auf gemeinsamen Streifzügen bedrohten sie mehrfach die Kaiserstadt am Bosporus und waren nur durch horrende Geldzahlungen zum Abzug zu bewegen.
 
Den mobilen Steppenkriegern waren die schwerfälligen Aufgebote gepanzerter Ritter zunächst hilflos ausgeliefert. Nur mühsam formierte sich eine wirksame Gegenwehr gegen ihre fintenreiche Kriegstaktik. König Heinrich I. gelang es erstmals 933 bei Riade an der Unstrut (in der Nähe von Merseburg), das Schlachtfeld gegen die magyarischen Angreifer zu behaupten. Die Wende führte König Otto I. mit seinem hart erkämpften Sieg auf dem Lechfeld bei Augsburg am 10. August 955 herbei. Der Führer der Magyaren Bulcsu, der 948 den Frieden mit Byzanz erneuert hatte und in Konstantinopel getauft worden war, fiel in die Hand des Siegers und wurde hingerichtet. Unter dem Eindruck der verheerenden Niederlage ebbten die Ungarnzüge ab. Die Magyaren büßten ihre militärische Schlagkraft ein. Sie zogen sich auf ihren pannonischen Kernraum zurück und suchten sich mit ihren christlichen Nachbarn zu arrangieren.
 
 Die christliche Königsherrschaft
 
Mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit zerfiel die alte Gentilordnung. Die Ära der Stammeshäuptlinge ging zu Ende; die Führungsaufgaben teilten sich ein Sakralfürst (ungarisch kunde), ein Heerfürst (ungarisch gyula) und ein oberster Richter (ungarisch harka). Während der Wanderungs- und Landnahmezeit hatten sich fähige Heerführer wie Árpád (✝ um 907) aus der Sippe des Stammesfürsten Almos in den Vordergrund gespielt. Er wurde zum Ahnherrn der magyarischen Herrscherdynastie. Unter seinem Urenkel Großfürst Géza (972—997) hatten sich monarchische Herrschaftsstrukturen schon weitgehend verfestigt. Géza entmachtete die Führer der Sippenverbände. Er zog Ländereien an sich und schuf jene ersten Burgbezirke (Komitate), die sein Sohn und Nachfolger Stephan I. (ungarisch István) zu einem zentralisierten Verwaltungssystem unter der Leitung ergebener Burggrafen, Gespane (lateinisch comes, ungarisch ispán von slawisch župan), ausbaute. Die noch verbliebenen regionalen Fürstenherrschaften verstand er durch eine geschickte Heiratspolitik an sich zu binden.
 
Géza war in zweiter Ehe mit der polnischen Fürstentochter Adelheid verheiratet. Er suchte den politischen Anschluss an den Westen und öffnete sein Reich dem Christentum. 973 erbat er von Kaiser Otto I. Glaubensboten. Der Sankt Gallener Mönch Bruno wirkte als erster Missionsbischof in Ungarn. Die eigentliche Leitung des Bekehrungswerkes, an dem sich Mönche aus Italien und Böhmen beteiligten, übernahm das Passauer Bistum. Géza hatte selbst noch vor seinem Tode 997 als landeseigenes Missionszentrum das berühmte Benediktinerkloster Martinsberg (Pannonhalma) gegründet.
 
Das ungarische Herrscherhaus unterhielt engere Verbindungen zum bayerischen Nachbarn. Der Thronfolger Stephan nahm Gisela, die Schwester des Bayernherzogs und späteren Kaisers Heinrich II., zur Frau und holte deutsche Ritter an seinen Hof. Er wurde mit dem Segen des Paps- tes zum Begründer der christlichen Königsherrschaft in Ungarn. Der Papst ließ ihm zur Krönungszeremonie an Weihnachten 1000 in Gran (Esztergom) eine Krone überbringen.
 
König Stephan der Heilige (1000—1038) hatte nach dem Tode seines Vaters Thronansprüche aus der eigenen Familie abzuwehren. Die noch verbliebenen Territorialherrschaften Gyulas in Siebenbürgen, der eine eigenständige Politik betrieb und in Konstantinopel den christlichen Glauben angenommen hatte, und Ajtonys im Marosgebiet ließ er 1003 bzw. 1008 gewaltsam beseitigen. Stephan sorgte mit dem Ausbau der Komitatsverfassung für eine einheitliche Verwaltungsstruktur des Reiches und gab der ungarischen Kirche unter dem Erzbischof von Gran eine festgefügte Organisation. In den ihm zugeschriebenen »Ermahnungen« an seinen Sohn Emmerich (Imre) hob er die herausragende Bedeutung von fremden Helfern und ausländischen Siedlern für das Wohlergehen eines Staates hervor. Der vorzeitige Tod seines Sohnes, der 1031 einem Jagdunfall erlag, raubte ihm den einzigen Thronerben. Er hinterließ ein verunsichertes Land.
 
 Die Zeit der Thronwirren
 
Stephan hatte seinen Neffen Peter Orseolo zum Nachfolger bestimmt. Er entstammte der Ehe seiner Schwester Maria mit dem Sohn des venezianischen Dogen. Als Landfremder konnte er sich nur vorübergehend (1038—41, 1044—46) an der Macht halten. Eine Adelsfronde brachte aus dem Mannesstamm des Arpadenhauses die bisher verfemten Abkömmlinge Vasuls, des geblendeten Vetters Stephans I., ins Spiel. Die Schwäche der Regierung begünstigte eine heidnische Reaktion. Zu ihrem prominentesten Opfer wurde 1046 Bischof Gerhard (Gellért) von Csanád, der Herkunft nach ein Venezianer. Im Zwist der verfeindeten Brüder Andreas I. (1046—60) und Béla I. (1060—63) gewann die Königsmacht erst wieder unter Ladislaus I., dem Heiligen (ungarisch Szent László, 1077—95), festeren Boden unter den Füßen. Er nutzte den Widerstreit zwischen dem Römischen Kaiser und dem Papst für seine Zwecke aus und leitete die für die weitere Geschichte Ungarns folgenreiche territoriale Expansion über Slawonien zur Adria ein. Im Gegenzug handelte er sich die andauernde Feindschaft Venedigs und das Missfallen des byzantinischen Kaisers ein, der um seine hoheitlichen Rechte in der adriatischen Küstenregion besorgt war. Kaiser Alexios I. Komnenos ließ 1091 von Petschenegen und Kumanen einen Entlastungsangriff gegen Ostungarn führen, der Ladislaus zum Abzug aus Kroatien zwang. Erst sein Neffe Koloman (ungarisch Kálmán, 1095—1116) schloss im Zusammenspiel mit den dalmatischen Städten die Eroberung Kroatiens und Dalmatiens ab. Er titulierte sich fortan als »König Ungarns, Kroatiens und Dalmatiens«. Die Vorrechte des Königs und die Privilegien des kroatischen Adels wurden vertraglich geregelt und 1102 niedergeschrieben (pacta conventa). Auch den dalmatischen Kommunen wurden Selbstverwaltungsrechte zuerkannt.
 
Gefahren für die ungarische Selbstständigkeit drohten wegen der erneuten Thronstreitigkeiten innerhalb der Arpadendynastie im 12. Jahrhundert. Der byzantinische Kaiser erhob aufgrund bestehender verwandtschaftlicher Beziehungen Erbansprüche und gewann 1167 die Oberhoheit über Kroatien, Dalmatien, Bosnien und das Sirmiumgebiet zurück. Zeitweilig war der ungarische Prinz Béla, der seit 1163 als Geisel am Hofe Manuels I. weilte und mit der Kaisertochter verlobt war, zum Nachfolger auf dem byzantinischen Thron ausersehen. Nach seiner Rückkehr lockerte Béla III. (1172—96) als ungarischer König die Verbindungen nach Konstantinopel und holte die verlorenen kroatischen, dalmatischen und bosnischen Gebiete wieder zurück. In seiner Herrschaftspraxis setzte er erfolgreich die neuen kulturellen Anregungen und administrativen Erfahrungen um, die er in griechischer Umgebung gewonnen hatte.
 
 Erstarken des Adels
 
Schon unter Bélas Vater Géza II. (1141—61) waren Gastsiedler aus den fränkischen Dialektgebieten an Mosel und Rhein, aus Luxemburg und Flandern in das Land gerufen worden. Sie ließen sich als »Sachsen« auf Königsboden in zwei geschlossenen Siedlungsgebieten in Siebenbürgen (Transsilvanien) und in der oberungarischen Zips in der heutigen Slowakei nieder. 1224 bestätigte ihnen der jüngere Sohn Bélas III., König Andreas II., in dem »Privilegium Andreanum« ihre weitgehenden Autonomierechte. Dem allzu selbstherrlichen Auftreten des Deutschen Ordens, den er 1211 zur Missionierung des Kumanenlandes in den südöstlichen Grenzgebieten ins Land gerufen und dem er das Burzenland um Kronstadt überlassen hatte, setzte er allerdings schon 1225 ein gewaltsames Ende.
 
Eine verschwenderische Hofhaltung und kostspielige kriegerische Unternehmungen zwangen König Andreas, neue Einnahmequellen zu erschließen. Die Verschleuderung der staatlichen Ländereien an den Hochadel löste erhebliche Unruhe aus, die der König mit Zugeständnissen an die Kirche und an den Dienstadel in der Goldenen Bulle von 1222 besänftigen musste. Das Verhalten des Herrschers weckte auf längere Sicht den Widerstand des Komitatsadels und gab den ständischen Vorbehalten gegen eine starke Königsmacht Nahrung. Den schweren Rückschlag, den Ungarn mit dem Sturm der Mongolen von 1241/42 erlitt, konnte König Béla IV. (1235—70) überraschend schnell wieder ausgleichen. Er setzte beim Wiederaufbau auf den weltlichen und kirchlichen Großgrundbesitz und auf die aufstrebende Burgministerialen- und Dienstmannenschicht. Grenzsicherungsaufgaben übernahmen wehrhafte Stadtanlagen mit ausländischen, vornehmlich deutschen Siedlern, die an den Pässen entlang dem Karpatenbogen errichtet wurden.
 
 Wechsel der Dynastien
 
Unter schwachen Herrschern verfiel in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts die Autorität der Königsmacht. 1301 starben die Arpaden im Mannesstamm aus. In dem Chaos der andauernden Fehden, die um die Besetzung des ungarischen Thrones unter den Parteiungen einer selbstbewussten Magnatenoligarchie ausgetragen wurden, holten sich die Herrscher aus dem neapolitanischen Zweig der Dynastie Anjou wieder verlorene Machtkompetenzen zurück. Die Könige Karl I. Robert (1308—42) und Ludwig I., der Große (1342—82), nutzten ihre neu gewonnene herrscherliche Reputation zu notwendigen inneren Reformen, zur Förderung der Wirtschaft, zur Verbesserung der Staatsfinanzen und zu einer offensiven Außenpolitik. Wohl scheiterten die expansiven Adriapläne am Widerstand Venedigs und des Papstes. Auf der Balkanhalbinsel musste schrittweise den osmanischen Eroberern das Feld überlassen werden. Die Donaufürstentümer Walachei und Moldau, die als ungarische Vorposten im Kumanenland entstanden waren, lösten sich aus der bisherigen Lehensabhängigkeit. Erfolgreicher waren die Anjou-Herrscher jedoch mit ihrer vorausschauenden dynastischen Politik bei den polnischen und böhmischen Nachbarn. 1370 gewann König Ludwig aufgrund des Familienvertrages von 1339 den polnischen Thron hinzu. Über die Verlobung mit Ludwigs Tochter Maria erbte der Luxemburger Siegmund Thronansprüche in Ungarn, die er nach dem Tode Ludwigs gewaltsam realisierte. Er hat wie kein anderer Herrscher zuvor während seiner langen Regierungszeit (1387—1437) Ungarn in die große europäische Politik eingeführt, doch seine weiter gehenden persönlichen Ambitionen als deutscher und böhmischer König (seit 1410 bzw. 1419/36) wie als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (seit 1433) haben den ungarischen Interessen eher geschadet. Den endgültigen Verlust Dalmatiens an Venedig 1409 hat er nicht verhindern können und gegen die immer bedrohlicher werdende Gefahr an der Türkenfront war keine wirksame Hilfe in Sicht. Die erhoffte massive Waffenhilfe aus dem Westen blieb aus. Der Kreuzzug des Jahres 1396 endete mit der bitteren Niederlage bei Nikopolis (heute Nikopol, Bulgarien).
 
Seither waren die südöstlichen Grenzregionen vor türkischen Einfällen kaum mehr sicher. Die bittere Notlage der Bevölkerung zwang selbst die mächtigen Adligen (Magnaten), bei der Königswahl immer mehr auf die vordringlichen Belange der Türkenabwehr Rücksicht zu nehmen. Die Wahl des jungen Polenkönigs Wladislaw I. Jagiełło im Jahre 1440 erfüllte allerdings die hohen Erwartungen nicht. Wladislaw musste schon 1444 bei einem missglückten Kreuzzugsunternehmen in der Schlacht von Warna sein Leben lassen.
 
 Die Hunyadis
 
Die Hoffnungen ruhten danach auf János Hunyadi, der einer walachischen Bojarenfamilie entstammte. Er hatte sich als Oberbeamter (Banus) von Severin und als gewählter Heerführer (Woiwode) Siebenbürgens mehrfach erfolgreich mit den Türken geschlagen. Mit Unterstützung des niederen Adels war er zum Reichsverweser (1446—52) für den minderjährigen Ladislaus V. Postumus bestellt worden. Gegen die Türken holte er sich zwar 1448 auf dem Amselfeld eine empfindliche Niederlage, doch nur wenige Jahre später bewies er sein ungewöhnliches Feldherrntalent, als er 1456 das von Mehmed II. Fatih belagerte Belgrad wieder freikämpfte. Dem Kriegsruhm seines Vaters hatte es der einzige überlebende Sohn Mátyás Hunyadi zu verdanken, dass ihm auf Druck des niederen Adels bei der Königswahl von 1458 der Vorzug gegeben wurde. König Matthias I. Corvinus (1458—90) war während seiner gesamten Regierungszeit von der zermürbenden Auseinandersetzung mit dem habsburgischen Gegenkandidaten Friedrich III. und der habsburgisch-jagiellonischen Allianz mehr in Anspruch genommen als von der Abwehr der Türken. Er gewann mit seiner Söldnertruppe, dem »Schwarzen Heer«, Mähren und Schlesien hinzu und zog 1485 als Sieger in das kaiserliche Wien ein. Als Mäzen und Kunstfreund bot er in seiner Residenz Buda der Renaissancekultur nördlich der Alpen eine Heimstatt und sammelte herausragende Vertreter des italienischen Humanismus um sich.
 
In der Innenpolitik setzte er auf Zentralisierung. Er drängte den Einfluss der Magnaten zurück und stärkte die Rechte des niederen Adels, ohne die wachsende Unzufriedenheit im Lande besänftigen zu können. Sie entlud sich in dem von György Dózsa angeführten Bauernaufstand des Jahres 1514, der sich aus einem abgebrochenen Kreuzzugsunternehmen entwickelte. Er wurde von dem Woiwoden Siebenbürgens Johann Zápolya blutig niedergeschlagen. Als Vergeltungsmaßnahme verfügte ein Landtagsbeschluss die dauernde Schollengebundenheit der grundherrlichen Bauern.
 
Mit seiner antihabsburgischen Reichskonzeption ist Matthias Corvinus ebenso gescheitert wie die Adelsfraktion, die bei künftigen Wahlen einen nationalen König durchsetzen wollte. Die Zeit arbeitete für Kaiser Maximilian I. Er war 1515 eine Hausunion mit den Jagiellonen eingegangen und hatte eine gegenseitige Erbfolge vereinbart. Der Erbfall trat schon zehn Jahre später ein, als der König von Böhmen und Ungarn, Ludwig II., am 29. August 1526 in der denkwürdigen Schlacht bei Mohács von Sultan Süleiman II. geschlagen wurde und auf der Flucht ertrank.
 
 Die Dreiteilung Ungarns
 
Um das ungarische Erbe stritten sich der Habsburger Ferdinand und Johann Zápolya, der sich mit der Stimmenmehrheit des national gesinnten niederen Adels am 16. Oktober 1526 auf dem Reichstag von Stuhlweißenburg zum König wählen und mit der heiligen Krone krönen ließ. Am 17. Dezember 1526 wählte die Gegenpartei in Preßburg den Habsburger Ferdinand. Dieser verfügte über die besseren Truppen und zwang seinen Gegenspieler zum Rückzug nach Polen. Erst die Absprache mit dem Sultan ermöglichte Johann Zápolya die Rückkehr. Mit polnischer und türkischer Waffenhilfe verdrängte er den habsburgischen Konkurrenten aus der Osthälfte des Reiches. Ein Verständigungsversuch zwischen den beiden Königen im Vertrag von Großwardein 1538 scheiterte. Die Folge war eine faktische Dreiteilung des Landes. Die Habsburger blieben für eineinhalb Jahrhunderte auf einen schmalen Gebietsstreifen an der West- und Nordwestgrenze, auf das »Königliche Ungarn«, beschränkt. Johann Zápolya hinterließ seiner polnischen Ehefrau und dem kurz vor seinem Tode geborenen Sohn das Fürstentum Siebenbürgen als Herrschaftsbereich. In die Zwischenzone rückte eine türkische Besatzung ein. Die Türken, die schon 1529 erstmals vor Wien standen und seit 1541 auch die Hauptstadt Buda in ihrer Gewalt hatten, nutzten die zentralungarischen Gebiete als Aufmarschbasis gegen die kaiserlichen Truppen. Auf ungarischem Boden wurde in den nächsten anderthalb Jahrhunderten der Konflikt zwischen dem Kaiser in Wien, der Anspruch auf das ungarische Erbe erhob, und dem Sultan ausgetragen, der im Namen Allahs zum Angriff gegen die Ungläubigen antrat.
 
Prof. Dr. Edgar Hösch
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
osmanische Herrschaft in Südosteuropa: Halbmond über Europa
 
 
Bogyay, Thomas von: Grundzüge der Geschichte Ungarns. Darmstadt 41990.
 Dienes, István: Die Ungarn um die Zeit der Landnahme. Aus dem Ungarischen. Budapest 1972.
 Fine, John V. A. Jr.: The early medieval Balkans. A critical survey from the sixth to the late twelfth century. Neudruck Ann Arbor, Mich., 1995.
 Fine, John V. A.: The late medieval Balkans. A critical survey from the late twelfth century to the Ottoman conquest. Neudruck Ann Arbor, Mich., 1994.
 
Die Geschichte Ungarns. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, herausgegeben von Péter Hanák. Aus dem Ungarischen. Budapest 21991.
 Györffy, György: Wirtschaft und Gesellschaft der Ungarn um die Jahrtausendwende. Bearbeitet von Karl Mollay u. a. Aus dem Ungarischen. Wien u. a. 1983.
 
Kurze Geschichte Siebenbürgens, herausgegeben von Béla Köpeczi. Aus dem Ungarischen. Budapest 1990.
 
Studien und Texte zur Kirchengeschichte und Geschichte, Reihe 3: Geschichte des Christentums in Österreich und Südmitteleuropa, herausgegeben von Peter F. Barton. Auf mehrere Bände berechnet. Wien 1992 ff.
 Vernadsky, George /Ferdinandy, Michael de: Studien zur ungarischen Frühgeschichtel. 2 Teile in 1 Band. München 1957.

Universal-Lexikon. 2012.

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